Notbremsung! Ich will raus aus dem „Mini-Beziehungen“-Zug!

Es war ein „sozusagen“, ein „irgendwie“, eben etwas, was man nicht für sich stehen lassen kann, sondern mit Gänsefüßchen ausschmückt.

„Ich habe heute mit meinem „Freund“ Schluss gemacht“, simste ich meiner Freundin. Sie wusste, dass das auch ziemlich von Nöten war. „Schluss machen“ ist so eine Formulierung, die man normalerweise nur verwendet, wenn man von einer Beziehung spricht. Meinen „Freund“ jedoch, konnte ich eigentlich nicht als Beziehung verbuchen. Die Anführungszeichen, die ich konsequent bei der Freund-Bezeichnung verwendete, deuteten an, was es eigentlich war, dieses Ding was wir da führten. Es war ein „sozusagen“, ein „irgendwie“, eben etwas, was man nicht für sich stehen lassen kann, sondern mit Gänsefüßchen ausschmückt. Manch einer mag so etwas als Affäre betiteln. Aber was ist eine Affäre überhaupt? Ist das nicht eine Übereinkunft zweier Menschen, miteinander ab und zu Sex zu haben? So ganz ohne Schnick, und ganz ohne Schnack? Einfach körperlich, losgelöst von den Emotionen? Da werden viele Leser nicken. Auch ich finde diese Definition am passendsten.

Und wenn da doch Schnick, und durchaus Schnack dabei ist?

Aber wie nennen wir es nun, wenn es eben nicht nur Sex ist, wenn da durchaus Schnick, und durchaus Schnack dabei ist. Ich für meinen Teil verbrachte mit meinem „Freund“ mehrere Wochen, in denen man hätte meinen können, wir planten zu heiraten, zusammenzuziehen und Kinder zu bekommen. Es war alles so selbstverständlich! Aus: „Ich koche heute, magst du zum Essen vorbei kommen?“, wurde ein Abendessen, ein Frühstück, ein Mittag und ein weiteres Abendessen. Der Einfachheit halber besaß er sogar meinen Hausschlüssel, um nicht klingeln zu müssen, wenn er spontan vorbei schaute. Es gab kein „Du und ich“, sondern ein „Wir“. Es gab eine Beziehung, möchte man meinen. Aber nein, es war Nichts! Es hatte keinen Namen. Wir waren eine namenlose Verbindung, die nur im Hier und Jetzt zu existieren schien. Denn so namenlos das war, was wir führten, so lose war auch die Bindung, die wir aufbauten. „Wer weiß, was morgen ist“, wurde zum Kredo unserer Zukunftsplanung. Dabei war eines klar: Wie Arsch auf Eimer, so sehr passten wir zueinander. Aber was keinen Namen hat, hat auch keinen Wert. So fragte ich mich jeden Tag aufs Neue, was ich denn damit sollte, mit diesem „Etwas“, was ich nur in Anführungszeichen setzte. Was wollte ich mit dem Mann, den ich nicht meinen Freund nennen durfte? Was wollte ich mit dem Mann, der mich zwar die Mutter seiner Kinder nannte, aber mir im nächsten Moment das Gefühl gab, nicht gut genug zu sein?

„Mini-Beziehungen“ prägen unseren Liebesalltag

Diese Affären oder namenlosen Verbindungen die wir heutzutage führen, sind eigentlich „Mini-Beziehungen“! Sie beginnen stürmisch, mit großen Gefühlen und noch größeren Hoffnungen. Aber da wir sie nicht definieren, geraten sie ins Schwanken. Fehlende Sicherheit und ständiges Hinterfragen, zertreten die zu Beginn heiß lodernde Flamme. Mir wurde oft vorgeworfen, dass ich nach einer gewissen Zeit Druck machen würde. Druck, der Sache einen Namen zu geben. Druck, ein Preisschild hinter die Verbindung zu kleben. Die Behauptung, dass genau dieser Druck die Flamme zum Erlöschen bringen würde, ist falsch! Eine Flamme flackert nur auf, wenn sie genug Sauerstoff besitzt. Der Sauerstoff der Liebe ist Zuneigung. Zuneigung, welche dem Feuer regelmäßig zugeführt wird. Definieren wir eine Verbindung nicht schnell genug, reicht die Zuneigung irgendwann nicht mehr aus, und die Flamme verweht im Wind. Meine Flamme loderte, sie war eigentlich keine kleine Flamme mehr, sondern ein großes Lagerfeuer. Sie war so stabil, dass ich meine „Freund“-Anführungszeichen einfach über Bord werfen wollte, um aus dem Lagerfeuer einen Buschbrand zu entfachen. Doch der Sauerstoff wurde immer knapper. Die Zuneigung nahm immer mehr Distanz zu mir ein. Ich musste mich mehr und mehr strecken, um an sie heran zu kommen. Was wollte ich von dem Mann, für den ich mich verbiegen musste? Was wollte ich von dem Mann der nicht merkte, wie sehr ich unter Sauerstoffmangel litt? Ich wollte ihm aufzeigen, welch Feuer doch in uns brennen könnte. Aber einen Eisklotz kann man nicht anzünden.

Notbremsung! Ich will raus aus diesem Zug

So entwickelte sich diese „Mini-Beziehung“ schnell in ein Stadium, welches vielen Menschen wohl aus Langzeitbeziehungen bekannt ist. Ein Part des Paares fühlt sich vernachlässigt, nicht mehr genug geliebt. Der andere Part zieht sich mehr und mehr zurück. Eine Trennung ist an einem solchen Punkt oft unausweichlich.

Die „Mini-Beziehungen“, die wir heute führen, sind das Spiegelbild unserer immer schneller werdenden Gesellschaft. Die Phasen des Verliebens, Liebens und Verlassens, schnellen nur so an uns vorbei. Sie rasen wie ein D-Zug durch unser Leben, sodass wir gar keine Zeit haben, eine Definition dafür zu finden, was wir mit einem anderen Menschen haben, oder eben nicht. Ich finde es traurig, dass wir unser Liebesglück der Gesellschaftsgeschwindigkeit anpassen. Ich sehne mich nach einem Menschen, der mal nicht zweifelt, mal keine Anführungszeichen oder Umschreibungen braucht, um das zwischen uns zu definieren. Jemand der sagt: „Ich will dich! Ich will dich weil du bist, wie du bist.“. Einen Menschen der aus dem Zug aussteigt, meine Hand nimmt und mir zeigt, dass Geschwindigkeit heutzutage total überschätzt wird. Einfach mal ankommen, einfach mal zur Ruhe kommen. Das ist es, was uns heutzutage fehlt. Wir springen von der einen „Mini-Beziehung“, in die andere. Unsere Gefühle durchleben Höhen und Tiefen fast im Minutentakt. Ich bin kaputt, ich habe keine Energie mehr. Notbremsung! Ich will raus aus diesem Zug!

6 Kommentare

  1. „Aber was ist eine Affäre überhaupt?“

    Das ist der Anfangszustand jeder Beziehung, in der man die Hoffnung, aber noch nicht die Gewißheit hat, daß der Andere ein liebenswerter Mensch ist. Manchmal ist es auch ein improvisierter Übergangszustand der erotischen Anziehung bei gleichzeitiger Gewißheit, daß dem anderen die erforderlichen menschlichen Qualitäten für eine ernste Beziehung fehlen. Viele Männer sind in dieser Hinsicht von ihren schlechten Erfahrungen mit Frauen frustiert und sagen aus diesem Grund von vornherein, daß sie nicht mehr als eine Affaire wollen – ein großes Stück Ehrlichkeit, da gegen die allgemeine Männerabwertung einen hohen Preis kostet.

    „Ist das nicht eine Übereinkunft zweier Menschen, miteinander ab und zu Sex zu haben? So ganz ohne Schnick, und ganz ohne Schnack? Einfach körperlich, losgelöst von den Emotionen?“

    Nein, das ist eine Auffassung, die vor allem unter Frauen und Soziobiologen sehr verbreitet ist: Sex sei eine eher technische Angelegenheit zur Befriedigung von Bedürfnissen. Doch dabei wird geleugnet, daß Körpersprache ein Ausdruck von Intimität ist: Wer mit jemandem schläft kann es nicht vermeiden, daß eine ganze Reihe von Gefühlen auszudrücken. Sex zu haben, erzeugt daher immer Gefühle – für die, die diese Körpersprache lesen können: Die Einen sind ganz hingerissen, von der offenbarten Innenwelt seines Gegenüber und die anderen sind abgestoßen von der Leere und Kälte, die ihnen entgegenschlägt.

    Die Lektion daraus lautet: Sex ohne Gefühle gibt es nicht, es ist nur schwer vorhersehen, was man dabei gezeigt bekommt und was sich daraus entwickelt.

    Für Frauen ist diese Sichtweise in der Regel neu und beunruhigend und Männer, die die Körpersprache der Intimität kennen, sind in der Lage die falsche Maske, die die meisten Frauen an den Tag legen einfach zu durchschauen: Wenn ein Mann eine Frau kennenlernen will, dann schläft er mit ihr – was auch ein Grund dafür ist, daß viele Frauen den Sex mit einem Mann hinauszögern. Denn je länger sie ihm ihre Lügen erzählen kann, desto größer wird die Verwirrung des Mannes sein, wenn er hinterher mit der Wahrheit im Bett konfrontiert wird.

    Die meisten Männer würden es ablehnen mit Frauen zu schlafen, wenn sie wüßten, was diese wirklich denken. Das wissen viele Frauen und viele haben vor diesem Desinteresse Angst.

    „Aber da wir sie nicht definieren, geraten sie ins Schwanken. Fehlende Sicherheit und ständiges Hinterfragen, zertreten die zu Beginn heiß lodernde Flamme.“

    Nein. es ist keine Frage des Namens oder der versprochenen Verpflichtung. Und wenn es bei dir doch darauf ankommt, dann empfindest du keine Liebe, sondern deine Bindung ist psychologisch anderer Natur. Sowas kommt oft vor: Viele Frauen benutzen Männer, um sich irgendetwas zu beweisen. Das ist ganz individuell und schwer zu verallgemeinern.

    „Mir wurde oft vorgeworfen, dass ich nach einer gewissen Zeit Druck machen würde. Druck, der Sache einen Namen zu geben.“

    Ein verständlicher Vorwurf, der beweist, daß diese Männer etwas von Liebe verstanden. Denn auf Namen kommt es nicht an.

    „Was wollte ich von dem Mann, für den ich mich verbiegen musste?“

    Eine Affaire ist eine erstklassige Chance, sich zu verändern und zu verbessern. Denn was immer man macht, man bekommt eine Rückmeldung im Bett und Wechselwirkungen zu verstehen sind nun mal der Königsweg dazu, eine Sache zu verstehen.

    „Was wollte ich von dem Mann der nicht merkte, wie sehr ich unter Sauerstoffmangel litt?“

    Vermutlich merkte er es, aber er wollte eben nicht mehr von dir. Das kann frau nur akzeptieren und weiterhin respektvoll bleiben.

  2. Diese Mini-Beziehungen entstehen nicht erst heute. Es gibt sie schon „ein wenig“ länger. Denn es gibt bereits welche, die schon Jahrzehnte bestehen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass nicht auch auf unsere Gesellschaft zurück zu führen sind.
    Gut ist, dass Du es erkannt hast. Das bewahrt Dich vielleicht davor, noch weitere Mini-Beziehungen einzugehen.
    LG

  3. „Die „Mini-Beziehungen“, die wir heute führen, sind das Spiegelbild unserer immer schneller werdenden Gesellschaft. (…) Ich finde es traurig, dass wir unser Liebesglück der Gesellschaftsgeschwindigkeit anpassen.”

    … und den scheinbar perfekten, optimal optimierten Lebensabschnittsgefährten (welch Wort!) als Erfüllungsmodell propagieren.

    Fein geschriebener Text, Jule. Aber wenig hoffnungsvoll ist’s, daß Du das Geschilderte als vorherrschende Tendenz in Deiner Generation offenbar so verbuchen mußt.

    Und um nun vom großen Sozialkuddelmuddel herunterzukommen:
    Dir das Beste!

    Ciao.

  4. Frauen haben den Zug auf diese Geschwindigkeit gebracht, Frauen können ihn vielleicht noch stoppen. Auch wenn ich denke, dass die Eigendynamik dies vermutlich nicht mehr zulässt.
    Spielt aber eigentlich auch keine Rolle, die Evolution wird es ohne Rücksicht auf individuelle Befindlichkeiten in 1-2 Generationen richten, von daher ist alles in Ordnung.

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