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Ich klatsche rhythmisch zu Liebesschmonzetten, um die Realität auszublenden

Wenn im Rhythmus zu, in meinen Augen, schrecklicher Musik klatschen ein Volkssport wäre, die Deutschen hätten schon einige Goldmedaillen um den Hals. Zu dieser Erkenntnis kam ich, als ich vor lauter Schreibflow nicht auf das nebenher laufende Fernsehprogramm achtete, und mich plötzlich in Stefan Mross „Immer wieder sonntags“ wiederfand. Breit grinsend schüttelte er Hände und kündigte die Künstler der Sendung an. Ich bin echt alt geworden, dachte. Da kenne ich nicht mal die aktuell erfolgreichsten Musiker. Doch, Moment, irgendwas war hier nicht richtig. Lederhosen? Gestriegelte Frisuren? Das kannte ich von erfolgreicher Musik nicht. Schon stimmte die erste Künstlerin ihren Song an. Ach du grüne Neune, Volksmusik. Perfekt blondiert läuft die junge Künstlerin über die Showbühne. Im Publikum schwanken, winken und jubbeln ihre Anhänger, die anscheinend von 2 bis 110 Jahren einen ziemlich großen Altersunterschied aufweisen. Haben die dafür Geld bekommen? Recken sie die Hände nur in den Himmel, weil ab und an Bonbons geworfen werden, sobald die Kamera in eine andere Richtung schwenkt?

Ein Leben aus dem Lyrikmärchenbuch

Vor Jahren hätte ich behauptet, das Phänomen Volksmusik ist nur der mangelnden Hörfähigkeit der Generation Ü60 geschuldet. Heute muss ich allerdings korrigierend feststellen, dass dieses Phänomen wirklich ernst genommen werden sollte. Habt ihr euch schon einmal die Texte der Volksmusiker angehört? Es geht um Liebe. Es geht um Schmetterlinge im Bauch, hohe Gefühle und den Partner fürs Leben. Im Gegensatz zur allgemeinen Popmusik, wird hier aber sehr, sehr blumig über die Liebe berichtet. Bis ans Ende ihrer Tage, im Altenheim glücklich nebeneinander liegend und fröhlich schmunzelnd zu Helene Fischer in den Tod schunkelnd. Wenn man sich das so vorstellt, könnte es schlimmer kommen, oder? Und genau da trifft Volksmusik den Geist unserer Zeit. Wir wollen glücklich sein! Wir wollen ein Leben aus dem Lyrikmärchenbuch, ohne Sorgen, ohne Ängste. Hey, wenn Frau Fischer atemlos auf der Bühne hin und her springt, gezeichnet von ewiger Jugend die Hüfte schwingt, und uns eindringlich weismacht, dass das große Liebesglück nur einen Millimeter von uns entfernt liegt, wer würde da nicht auch nach rechts und links schunkeln?

Volksmusik ist eine Flucht aus dem Alltag

Volksmusik hat etwas reines. So wie ein weißes Bettlaken, welches man gerade aus der frisch gekauften Verpackung geholt hat. Geht es in den ganzen Musikantenstadelhits eigentlich mal um Streit? Burn Out? Um Trennung, alleinerziehende Elternteile und Hartz 4? Nö. Das was uns im Alltag bewegt, wird einfach ausgeklammert. Volksmusik zeigt nur die immer lächelnde Front, die wir Menschen so gerne nach außen präsentieren. So zeigen wir uns doch mit Freude: Alles läuft super, Frau, Kinder, ein Traum. Dass dem im Normalfall nicht so ist wissen wir zwar, aber wir müssen uns damit ja nicht beschäftigen. Lieber mal Andrea Berg angeschmissen und vergessen, dass der Scheidungsanwalt noch Geld will. Ich kann es sogar nachvollziehen. Als ich klein war, musste ich meiner Oma jedes Jahr eine Flippers-CD zu Weihnachten schenken. Dagegen gewehrt habe ich mich nicht, weil sie dieses Geschenk anscheinend glücklich gemacht hat. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, habe ich ihr damals 13 oder 14 mal 3-4 Minuten heile Welt geschenkt. Wenn ich mir vorstelle, wie sie zwischen Weihnachten und Neujahr vor ihrem CD-Player saß, von rechts nach links geschunkelt ist, und dabei in die Hände geklatscht hat, kann ich ihr das nicht verübeln.

Werde ich alt, oder warum kann ich dem Ganzen langsam etwas abgewinnen?

Während ich diesen Text schreibe, läuft im Hintergrund eine „Deutschpop Elektronisch“-Playlist von Spotify. Ganz ehrlich, das ist nichts anderes als Helene Fischer mit Elektrobeats unterlegt. Und hey, ich mag den Kram! Ich sitze gerne auf meiner Couch, lausche den seichten Texten und wippe mit dem Fuß. Das ist für mich eine Reise in eine bessere Welt. Keine Sorgen, überall Schmetterlinge und Liebe. Verdammt, werde ich alt? Ist das die Vorstufe vom im Fernsehgarten rhythmisch klatschen? Nein, ich glaube wir haben heutzutage einfach das Bedürfnis, uns von der Außenwelt abzulenken. Sobald wird den Fernseher anmachen, schauen wir in eine Welt, die kaputter kaum sein könnte. Ist es da nicht 100 Mal besser mit einem beschwingten Disco Fox zu Frau Fischer die Tanzfläche zu rocken?

beziehungsweise

„Männer, macht euch locker!“ – auf beziehungsweise.de

Man man das geht ja hier Schlag auf Schlag! Ich schaffe es kaum noch direkt etwas auf meinem Blog zu posten, da mich beziehungsweise.de gut einspannt. Auf neue Texte müsst ihr trotzdem nicht verzichten. Der folgende Text liegt mir sehr, sehr am Herzen! Es handelt sich wieder um einen Paralleltext mit Thorsten Wittke. Ihr würdet mir eine riesen Freude machen, wenn ihr beide Texte lest 🙂

„Manchmal wünsche ich mir diese klassischen Rollenbilder sogar zurück. Nicht weil ich in Kittelschürze das Heimchen am Herd spielen will, sondern weil die Erwartungen klar wären, ohne dass ich mir darüber ständig Gedanken machen müsste. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Unsicherheiten und Fragezeichen, die uns bezüglich der Rollenbilder begleiten, bedeuten nämlich auch etwas anderes: Freiheit! Wir haben die Freiheit so zu sein, wie es uns für richtig erscheint.“

Liebe Männer, macht euch locker