„Wenn ich niemanden zum Reden habe, unterhalte ich mich halt mit Facebook!“,

Wenn ich niemanden zum Reden habe, unterhalte ich mich halt mit Facebook!„, entgegnete mir ein Freund, als ich ihn zufällig beim Schreiben einer Statusmeldung beobachtete. Oh, dachte ich. Da unterhält sich jemand mit Facebook, weil er niemanden im realen Leben hat, bei dem er Sorgen und Probleme loswerden kann. Das ist bedenklich! Ich muss gestehen, dass ich mich auch gerne mit Facebook unterhalte. Also nicht direkt mit Facebook, aber ich schreibe gerne Statusmeldungen und freue mich über jede Reaktion. Forscher haben herausgefunden, dass das Absenden einer Statusmeldung Stoffe im Körper freisetzt, die auch bei einem Orgasmus ausgeschüttet werden. Nicht schlecht! Vielleicht poste ich deswegen besonders gern irgendwann betrunken mitten in der Nacht? Ist das vielleicht mein „booty-call-Ersatz“? Also ganz so wunderbar fühlt sich eine gesendete Statusmeldung nun auch nicht an.

Wenn wir kommunizieren, kommunizieren wir heutzutage meistens nur noch schriftlich. Sogar auf der Arbeit schreibe ich lieber Mails, als die Kollegen anzurufen. Gottseidank haben wir im Konzern einen internen Messenger, über den wir die Kollegen leicht erreichen können. Die Kommunikation über den Messenger hat den Ruf, schneller zu sein, als eine Mail oder ein Telefonat. Dem kann ich im gewissen Maße zustimmen. Gerade für schnellen Informationsaustausch, ist das geeignet. Multitasking ist ein Aspekt, der ebenfalls dafür spricht. Ich kann auch während eines Meetings oder eines Telefonats mit Kollegen schriftlich kommunizieren.

Schriftliche Kommunikation hat für mich aber noch einen ganz anderen Vorteil: Sind die Dinge einmal geschrieben, habe ich im Nachgang die Möglichkeit, sie noch einmal zu lesen. Drückt man auf „Senden“, sind die Worte zwar nicht in Stein gemeißelt, aber beständiger, als das Gesagte. Wie oft habe ich mir alte Nachrichtenverläufe angeschaut. Wie hat alles begonnen? Wann war ich wo nochmal eingeladen? Seit wann kennen wir uns? All diese Fragen lassen sich durch schriftliche Kommunikation beantworten. Vielleicht bin ich da ein Einzelfall, dem es sehr leicht fällt, Worte zu finden. Denke ich an meinen Bekannten, der sich ab und zu mit Facebook unterhält, sieht es schon anders aus. „Aber was soll ich denn darauf schreiben?“, höre ich oft von ihm. Es geht um Konversation via tinder. Er schafft es selten über einige Nachrichten hinaus, da er einfach nicht weiß, was er antworten soll. Da sah ich auf seinem Telefon eine lange Nachricht einer Frau, mit der er gematcht hatte. Diese Dame hatte auch eine gut gefüllte Selbstbeschreibung in ihrem Profil. Es gab also genug Anhaltspunkte, zu denen er zum Beispiel Nachfragen stellen konnte. So war meine Sicht. Aber ihm fiel partout nicht ein, welche Reaktion auf eine Nachricht angemessen wäre. „Ich will nichts falsch machen!“, sagte er, um sich herauszureden.

„Falsch machen“, kann man zu Beginn einer Kommunikation natürlich sehr viel, aber was soll der ganze Geiz? Einfach sagen was einem in den Kopf kommt! Besser als Schweigen, ist das allemal. Ich weiß nicht, wovor mein Bekannter Angst hat. Gefressen zu werden? Mir wäre nicht bekannt, dass es schon Todesfälle durch ungünstige Tindernachrichten gab. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Man kann es sich natürlich auch einfach machen und einseitig kommunizieren. Denn nichts anderes macht man bei Facebook. Man kommuniziert in den leeren Raum. Mit Glück findet sich jemand, der auf einen Post reagiert. Sei es nur ein „gefällt mir“, welches die Leere durchbricht. Fühlt es sich eigentlich wie ein Selbstgespräch an, wenn niemand liked und kommentiert? Schriftliche Kommunikation kann keine persönlichen Kontakte ersetzen. So schön es auch ist, sich mit geschriebenen Worten auszutauschen, freue ich mich trotzdem jedes Mal wieder über Situationen, in denen ich ein tiefgründiges Gespräch real führen kann.

4 Kommentare

  1. Sehr wahr, mittlerweile habe ich jedoch die Erfahrung gemacht, dass Missverständnisse eher auftreten bei Chats/ Mails als „in natura“, gerade daher spreche ich über Probleme und Sorgen nicht mehr „virtuell“..

  2. Zur Not kann man auch mit sich selbst plaudern. Kommunikation auf intellektuell gleichwertigem Niveau, immer ein offenes Ohr, keine Widerworte… Und man kann mal den ganzen Mist rauslassen, den man sonst nicht zu sagen wagt 😉

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