Gerade haben wir noch gelacht – Janolli in Berlin

Es ist kein normaler Montag in Deutschland“, kündigte Marco Göllner beschwingt vor 2 1/2 tausend Zuschauern an. Wie recht er hatte, wurde jedoch erst später klar.

Montag der 19.12.2016 sollte als der Tag des großen Janolli Weihnachtszirkusses in die Geschichtsbücher eingehen. Janni und Olli live, und das in einer der schönsten Locations Berlins, dem Weihnachtszirkus Roncalli im Tempodrom. Aufgeregt wie ein Kleinkind machte ich mich mit meiner Begleitung gegen 18 Uhr auf den Weg. Glühweingeschwängert kochte unsere Stimmung, während Berlin an uns vorbei rauschte. Ein unglaublich guter Saxophonist in der S-Bahn begleitete mit einem wunderschönen Weihnachtslied das Gefühl, welches ich mir für den ganzen Abend erhoffte: bei all dem Scheiß in der Welt, gab es doch Orte, an denen ein seliges Lachen zu Hause war.

Hat es einen Grund, dass sie heute so intensiv kontrollieren?

Am Weihnachtszirkus angekommen, überraschte mich die Herzlichkeit der Menschen, die ich in Berlin sonst so vermisste. Sogar das Abtasten durch die Sicherheitsleute wurde mit vielen freundlichen Gesichtern quittiert. „Hat es eigentlich einen Grund, dass sie heute so intensiv kontrollieren?“, fragte ich die freundliche Dame am Einlass, die jeden kleinen Quadratzentimeter meiner Kleidung nach verdächtigen Gegenständen absuchte. „Na denken Sie doch mal daran wer heute auf der Bühne steht.“, antwortete sie mir ernst. Ich fühlte mich sicher. Was sollte an einem Montag schon passieren? An einem stinknormalen Montag in Deutschland. Dick aufgedruckt stand auf den Karten: Beginn 20 Uhr. Als kurz nach 20:15 Uhr die Blase drückte, war ich froh, dass es noch nicht losgegangen war. Zu viele Menschen, zu intensive Kontrollen. In meinem Twitterfeed las ich: „vielleicht geht es später los, wegen der Sache am Breitscheidplatz?“. Ich nahm es nicht ernst. Vermutlich mal wieder Chaos bei der S-Bahn und alle kommen zu spät, Berlin eben.

Rattensofa

Mit ordentlicher Verspätung legten sie dann los, der Jan und der Olli. Janolli waren in Topform. Jeder Gag ein Kracher und so viele Insider, dass ich aufgrund der Witzdichte teilweise unter Sauerstoffmangel litt. Jedes Mal wenn jemand „Rattensofa“ sagte, könnte ich mich kaum auf meinem Sitz halten. Wenn das nicht einer der schönsten Abende der letzten Jahre werden würde, dann weiß ich auch nicht, dachte ich. Doch umso länger die Show dauerte, desto ruhiger und unwitziger wurde Jan. Ging ihm sein Gast auf die Nerven? Oder war es Ollis Champagnerlaune, die ihm die Stimmung verhagelte? Kurz vor der Pause flüsterte Jan Olli etwas ins Ohr. Ab diesem Zeitpunkt war nichts mehr so wie es sein sollte. Schon als die Zuschauer den Saal zur Pause verließen, lag eine komische Grundstimmung in der Luft. Viele telefonierten hektisch. Aus dem Lächeln, was zuvor den Raum erfüllte, wurde ein besorgtes Gesicht. Nur mal schnell die News checken, war auch mein Gedanke, als die Pause eingeläutet wurde. Eilmeldung, Breaking News, Tote in Berlin. Nein, das darf jetzt nicht wahr sein, dachte ich, während ich mich durch die Sitzreihen schlängelte. „Lest auf keinen Fall Nachrichten“, rief ich den Leuten zu, an denen ich mich vorbei gequetschte. Was war da gerade passiert? Was war hier nur los? Drei Kilometer von hier ist ein LKW in einen Weihnachtsmarkt gerast. Es gab Tote. Die Stimmung im Zuschauerraum war kaum zu beschreiben. Überforderung und Entsetzen mischten sich mit der Frage: „Wie wird es weiter gehen?“. Gerade haben wir noch gelacht, und plötzlich wissen wir nicht mehr, ob unsere Angehörigen und Freunde in Sicherheit sind.

Kümmert euch um eure Lieben

Nachdem sich ca. 20 Minuten später die meisten Zuschauer wieder auf ihren Plätzen eingefunden hatten, folgte die einzig richtige Konsequenz: Jan und Olli beendeten die Veranstaltung. Unter tosendem Applaus erklärten sie, dass man so nicht weiter machen könne. In solchen Momenten sollte man sich um seine Lieben kümmern. Wie Recht sie doch hatten. Wer sich sicher fühle, solle nach Hause gehen, alle anderen Zuschauer können sich gerne weiterhin im Veranstaltungssaal aufhalten. Genau das taten wir. Mit der Situation komplett überfordert blieben wir auf unseren Plätzen und diskutierten, ob der Heimweg nun sicher wäre. Währenddessen wurde mein Handy von Nachrichten überflutet. „Wo bist du?“ „Bist du sicher?“, erschien auf meinem Display. Als ich Facebook öffnete, sollte ich den Safety Check durchführen, um meinen Freunden zu sagen: ich bin sicher. Dass ich diese Funktion jemals anwenden würde, habe ich mir nicht vorstellen können. Aber es war eben kein normaler Montag in Deutschland. Es war der Tag, an dem das Lachen sogar Jan Böhmermann und Olli Schulz verließ.