Einsamkeit – Wie ein schwarzer Rabe auf meiner Schulter

Einsamkeit, gewählt oder ungewählt, begleitet jeden von uns in bestimmten Lebensphasen. Sie kann heilend sein, oder dafür sorgen, dass sich unsere Gesundheit komplett verabschiedet. Auch ohne große Studien und beweisende Zahlen ist klar: die Einsamkeit zählt zu den Krankheitsauslösern Nummer 1. Dabei sind es nicht nur ältere Menschen, die Partner und Freunde verloren haben, sondern auch, und teilweise im besonderen Maße, die jungen vernetzten Menschen, die regelmäßig von schmerzlicher Einsamkeit eingeholt werden.

1. Einsamkeitsgipfel in Berlin

Nach meinem Live-Interview zu Thema Einsamkeit bei der rbb Abendschau erhielt ich eine Einladung für den 1. sogenannten „Einsamkeitsgipfel“ in Berlin. Die CDU-Fraktion und allen voran Emine Demirbüken-Wegner (Sprecherin für Bürgerschaftliches Engagement im Abgeordnetenhaus Berlin) hatten Expert*innen und Praktiker*innen eingeladen, um über das Thema Einsamkeit zu diskutieren und Lösungsansätze herauszuarbeiten. Wie kann es eine so große Stadt wie Berlin schaffen, diejenigen nicht zu übersehen, die hinter ihren Wohnungstüren verweilen und denen es Tag für Tag an sozialen Kontakten fehlt?

Das Augenmerk auch auf die einsame Generation Y richten!

Das es mit Podiumsdiskussionen und Expertenmeinungen nicht getan ist, sollte klar sein. Daher werden die Ergebnisse des Einsamkeitsgipfels zeitnah konsolidiert, in einer kleineres Runde ausgewertet und erste Aktivitäten angestoßen. Als Mitglied des Expertenteams, werde ich gemeinsam mit Politik und Gesellschaft mein Bestes geben, um die Einsamkeit zumindest ein bisschen einzudämmen. Mein Ziel ist es, das Augenmerk auf die junge Zielgruppe zu lenken. Ich erlebe es selbst, wie schnell man trotz vieler sozialer Kontakte in eine emotionale Einsamkeit verfallen kann.

Berührende Worte von Kiezpoet Jesko Habert

Die passenden Worte zum Thema Einsamkeit in der Generation Y hat der Kiezpoet Jesko Habert gefunden. Als Eröffnungsact des Einsamkeitsgipfels verlas er ein berührendes und gleichzeitig aufrüttelndes Gedicht. Unter dem Tital „Die Flügel Soledads“ sprach er über seine Einsamkeit, die er wie einen schwarzen Raben auf der Schulter mit sich trägt. „Soledad“ ist die spanische Entsprechung der Einsamkeit.

Jesko Habert war so lieb und hat mir sein Gedicht zur Verfügung gestellt. Ich möchte einige Strophen daraus zitieren, die in Bezug auf das anstehende Weihnachtsfest genau die Emotionen ausdrücken, die ich Jahr für Jahr mit der Weihnachtszeit verbinde. Ja, auch ich habe einen Soledad, der in manchen Momenten auf meiner Schulter sitzt, und mich an seine Existenz erinnert.

Auszug aus „Die Flügel Soledads“ von Jesko Habert (2019)

Es ist ein kalter Dezemberabend, zurück in Berlin, fast schon Gegenwart.
Ein Tag, der manchen Menschen heilig ist oder ihren Segen hat
Wegen Familie. Wegen Heimatgefühl. Wegen Gemeinsamkeit.

Wir reden über Geschenke und den Nachwuchs und alle gehen in die Kirche, Heilignacht
Weil man das so macht
Und es ihnen wichtig ist. Wegen Gemeinschaft.
Wen kann das schon stören.
Ich bleib Zuhause ganz für mich, doch nur ein Blick und ich könnt‘ schwören
Dass dort ein schwarzer Rabe sitzt, auf dem Teppichboden.
Eine scheckig-schäbige Erinnerung aus Anekdoten-Episoden
Und irgendwie hab ich dich vermisst. Und irgendwie auch nicht.
Denn hat der Rabe Soledad sich eben eingenistet
Bleibt er bis auf weiteres in deinem Leben unbefristet
Und im Kontakt mit ander’n Menschen schreckt der trübe Rabe ab
Weil jeder sieht, dass man da sichtbar eine üble Narbe hat

Es wäre einfach, über die Einsamkeit anderer Menschen zu sprechen:
Sich den Kopf nur zu zerbrechen über Klischeebilder dieser Anderen,
Dieser Einsamen, die armen Seelen, für die wir doch jetzt gemeinsam etwas tun sollten
Es ist viel schwerer, über sich selbst zu reden.

Denn ich, ich bin einsam, inmitten meiner eigenen Verwandten
Und das, obwohl sie mich mein Leben lang doch meistens gut verstanden
Aber irgendwie ist da dieses unausgesprochene Unverständnis.
Ich fühle mich einfach nicht, als wüssten sie, wer ich bin.
„Oma, bist du manchmal einsam?“, hab ich meine Oma mal gefragt
Und sie zuckte die Schultern, wie um zu sagen „natürlich, was denkst du denn.
Denn seit dein Opa fort ist fühl ich mich so jeden Tag“
sagt sie, setzt sich auf ihren Schaukelstuhl und versinkt wieder in sich selbst.
Wenn ich einsam bin, kehrt meine Depression zurück
Wär sie ein Schauspiel, dann auf jeden Fall ein Solo-Stück
Nur ohne den Applaus des Publikums. Und ohne Verkleidungen.

Und so, als hätte man den auswendig gelernten Text vergessen.
Stattdessen mit appetitlosem Essen und unfertigen Prozessen
Wenn ich einsam bin, spielt es keine Rolle, wie viele Kontakte ich hab
Denn ich ruf die nicht von selber an!
Dann schlaf ich schlecht, fühl mich gestresst
Die leichteste Erkältung setzt mich schnell außer Gefecht
Und das, obwohl ich weiß, dass meine nächsten Freunde nur zwei Straßen entfernt wohnen

Soledad ist überall. Und er kann jeden treffen, unbedingt.
Es ist die Mutter, die den Tag nur mit ihrem Baby verbringt
Es ist der Erstsemester-Studi, dem der Anschluss nicht gelingt
Es ist die Frau, die sich im Job immer zu voller Leistung zwingt
Es ist der Mann, der mit der Arbeitslosigkeit im Alltag ringt
Es ist meine Oma, der der Partner fehlt,-altersbedingt
Es ist der Jugendliche der uns droht dass er sich selbst umbringt
Und es bin ich, dem es misslingt,
….Das einfach mal zuzugeben.
Wir sind nicht alleine damit, einsam zu sein.

Das ist doch Hype von gestern – Was die Schnelllebigkeit mit mir macht

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffingtonPost. Durch die Abschaltung der deutschen Ausgabe der HuffingtonPost zieht er nun zur Autorin „zurück“

Jeden Tag verbringe ich gefühlte Stunden damit, aktuelle News zu lesen. Ich forste mich von der Zeit, zur F.A.Z. über die Welt, bis zur Süddeutschen. Hinzu kommen diverse Links, die ich durch Teilungen meiner Freunde auf Facebook anklicke. An mir geht keine neue Entwicklung, kein Hype vorbei.

Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, ich würde mich durch diese Informationsflut selbst überholen. Was ich gestern noch als Hip und neu empfand, geht mir durch den stetigen Input der immer gleichen Informationen morgen schon wieder gehörig auf den Geist. Kenn ich schon, hab ich schon, gibt’s nichts neues?

Jim Pandzko als Beispiel für die Schnelllebigkeit des heutigen Hypes

In meiner Jugend, es waren die fantastischen 90er, dauerte es, bis sich ein Hype wirklich durchsetzte. Es dauerte, bis alle ein bunt leuchtendes Jojo besaßen. Es dauerte, bis jeder einmal den neuen Song gehört hatte, der gerade die Charts stürmte. Damals entdeckte ich durch Chartshows neue Musik. Alles ging entspannt seinen Gang, früher oder später. Heute kann ich die Songs, die eine Chart-Platzierung erreichen, schon lange nicht mehr hören. Nehmen wir das Beispiel Jim Pandzko feat. Jan Böhmermann mit ihrem Hit „Menschen Leben Tanzen Welt“. Ich gehörte zu den Ersten, die durch die Mediathek-Ausstrahlung des Neo Magazins Royal in den Genuss dieses wahrhaft künstlerischen Musikstückes kamen. Es dauerte keine zwei Stunden, bis sich meine Timeline mit Pandzkos YouTube-Video füllte. Ich fühlte mich wie im Rausch, während ich das Internet nach Reaktionen zu Böhmermanns Coup durchsuchte. Er trendete auf twitter, erstellte sogar einen eigenen Account, um die Vermarktung des Songs anzutreiben.

Kennst du nicht? Du lebst wohl hinterm Mond

Es war Donnerstag-Abend und ich summte Menschen Leben Tanzen Welt, als wäre es der neueste Michael Jackson Hit. Doch schon am nächsten Tag ging mir das ganze Tara auf die Nerven. Nicht der Song, sondern die vielen Reaktionen darauf waren es, die mir nur ein Augenrollen entlockten. Ja liebe Welt, hast du es auch schon mitbekommen? Da gibt’s ein tolles Lied und so…gähn. Es war nicht einmal 15 Stunden her, dass der Hype begann, für mich war er jedoch schon wieder vorbei. Als ich eine Woche später während einer Party den Musikwunsch „Menschen Leben Tanzen Welt“ äußerte, schaute mich der DJ fragend an. Jim Pandzko? Ham wa nich. Ich war schockiert. Ich unterstellte dem Plattenmann mangelnden Musikgeschmack und wendete mich beleidigt ab.

Für mich waren all diejenigen, die erst Tage später auf diesen Hype stießen, irgendwie hinterm Mond. Die Begeisterung, die Böhmermanns Aktion in den folgenden Tagen auslöste, empfand ich nur noch als öde. Am liebsten hätte ich den Medien, welche nun auch langsam anfingen zu berichten, ein lustloses: „Na ihr seid ja von der ganz schnellen Sorte.“, hinterhergeworfen.

Ich brauche Input, um mich nicht mit mir beschäftigen zu müssen

Ist diese Schnelllebigkeit nicht bedenklich? Erledigt sich ein Hype, braucht es schließlich einen neuen, der die Begeisterung der Menschen herauskitzeln kann. Jetzt ist es vielleicht das Coachella Festival, auf dessen Zug alle möglichen Modelabels aufspringen. Gähn, alte Kamellen, habe ich schon gestern etwas drüber gelesen. Die moderne Gesellschaft braucht stetig Futter, um ihre Geschwindigkeit zu halten. Was soll ich auch tun, während ich mit der Bahn zur Arbeit fahre? Ich schaue auf mein Telefon und brauche Input, damit ich mich nicht mit meinen Mitmenschen beschäftigen muss.

Alle diese Hypes lenken ab von dem, was eigentlich wichtig ist: von uns selbst. Beschäftige ich mich mit den neuesten veganen Körner-Schleim-Getränken, bleibt gar keine Zeit, mir mal Gedanken über mein eigenes Leben zu machen.

Zukunftsvision

Wie sich das wohl in Zukunft entwickeln wird? Brauche ich in ein paar Jahren vielleicht alle 3 Stunden einen neuen Hype, um nicht in Langeweile zu verfallen? Weiß ich in 10 Jahren überhaupt noch, welcher angesagte Fruchtsmoothie gerade Instagram flutet, oder ziehen die Hypes so schnell an mir vorbei, dass ich sie gar nicht mehr wahrnehme?

Flamingos, Halsbänder, Einhörner, Pokemon Go, Coachella, Bibi und Tina, Influencer Lisa und Lena… oh je, mir ist schon ganz schwindelig.

 

„Homo-Hipstonimus“ – Wo ist die Individualität der Generation Y geblieben?

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffingtonPost. Durch die Abschaltung der deutschen Ausgabe der HuffingtonPost zieht er nun zur Autorin „zurück“ 🙂

Was früher Punks, Gothics und Rocker waren, sind heute angepasste Hipster, die man kaum noch auseinanderhalten kann. Wo ist nur die Individualität der GenY geblieben? Werden wir uns in zukünftigen Geschichtsbüchern möglicherweise als „Homo-Hipstonimus“ wiederfinden?

Berlin, Mittwochmorgen, 10 Uhr: Ich stehe in Nähe des Bahnhof Zoos und beobachte das Treiben, während ich auf einen Termin warte. Plötzlich fällt mir eine Menschenansammlung auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf.

Dicht gedrängt schlängelt sich eine Personenschlange an mehreren Hauswänden vorbei. Was da wohl los sein mag, unter der Woche um 10? Vielleicht eine neue Außenstelle der Tafel? Bei genauerer Betrachtung erblicke ich Hochwasserhosen, Mützen und Hornbrillen. Die Sache war klar: Hipster-Versammlung. Ich seufze, während ich zum Kopfschütteln aushole. Haben die um diese Uhrzeit nichts Besseres zu tun, als sich über Stunden irgendwo anzustellen? Arbeiten zum Beispiel?

Objekt der Begierde dieser vielen Mützenträger war eine Ausstellung, welche in einem ziemlich heruntergekommenen Haus stattfand. Schäbige Einrichtung, ein bisschen Kultur, das ist für die Berliner Hipster-Szene wie Zuckerwasser für Bienen, sie können einfach nicht widerstehen.

Jaja, die GenY ist doch die …

Die Menschen, die sich dort bei 10 Grad Außentemperatur die Beine in den Bauch standen, sind leider ein typisches Bild meiner Generation. So werden wir zumindest besonders gerne in den Medien und in der Werbung dargestellt. Jaja, die GenY ist doch die, die man auf jeder Ausstellungseröffnung trifft, sobald dort kostenlose Getränke gereicht werden. Unser Alltag besteht, vertraut man dem Stereotyp, sowieso nur daraus mit einer Club Mate in der Hand von Veranstaltung zu Veranstaltung zu rennen. Sehen, gesehen werden und dabei noch einen Happen zu essen bekommen, damit man sich den Wocheneinkauf spart.

Es soll Hipster geben, die sich so an allen Tagen der Woche durch die Berliner Szene futtern und von einem Sekt-Kater zum nächsten stolpern. Hauptsache auf Instagram denkt am Ende jeder, man wäre schon fast ein Z-Promi. Immer wenn einer von diesen Hipstern „Ich mache was mit Medien.“ sagt, denke ich mir insgeheim: Netflix gucken oder was?

Wo ist die Individualität meiner Generation geblieben?

Hipster wollten einmal individuell sein, doch heute sind sie austauschbarer denn je.

Wenn ich die Hochwasserhosen, Mützchen und Jutebeutel schon sehe, schüttelt es mich. Diese jungen Leute prägen das Berliner Stadtbild und nicht nur das, sie scheinen sich über das ganze Land ausgebreitet zu haben. Das Problem an der Sache ist: die Nachfolgegeneration macht es Ihnen nach. Sehe ich Gruppen von jungen Menschen durch Berlin laufen, kann ich sie kaum noch voneinander unterscheiden. Sie sehen alle nach H&M aus.

Austauschbar und aalglatt. Wo sind die Punks geblieben, die Gothics, die Rocker, all diejenigen, die in meiner Jugend dafür sorgten, dass Individualität an der Tagesordnung war. Die meisten von ihnen scheinen zu einem Einheitsbrei verkommen zu sein, der mir schon aus den Ohren quillt. Sie sind angepasst an eine Gesellschaft, aus der sie früher so gerne ausbrechen wollten. Besonders deutlich zeigt sich dies am heutigen Musikgeschmack: „Alles irgendwie“ ist übrigens keiner, erst recht nicht, wenn am Ende sowieso alle im gleichen Technoclub landen. Da muss man schließlich hin, wenn man etwas auf sich hält. Dabei gehen die besten Partys doch dort, wo nicht alle Gäste gleich aussehen, oder?

Bitte kein „Homo-Hipstonimus“

Es ist an der Zeit, dass sich die GenY ihre Individualität zurückholt. Überlasst die Hochwasserhosen, Hornbrillen und Mützen der Generation Z, die wissen vermutlich nicht einmal, wie „Individualität“ geschrieben wird. Kramt in euren Köpfen und holt die alte Erinnerungen hervor. Wie wart ihr damals? Was hat euch ausgemacht? Sicherlich nicht der Öko-Jutebeutel. Als ich ein bisschen gewühlt habe, stieß ich auf meine alten witzigen Gothicoutfits, in denen ich mit Freunden besonders gern „Die Ärzte“-Songs an öffentlichen Plätzen geträllert habe. Wir waren anders, wir waren unangepasst, wir waren authentisch. Genau das müssen wir uns zurückholen!

Oder möchten wir wirklich, dass in 100 Jahren im Geschichtsunterricht der „Homo-Hipstonimus“ als Mate vernichtendes, Hornbrillen tragendes, bemütztes Individuum auftaucht?

Externe Erwartungen – Mein Lebensflieger, kurz vor dem Absturz

Dieser Text entstand im Jahr 2017 auf dem Z2X17 in Berlin. Die Session zum Thema „Overheadcompartment“ wurde von Anna Madlener geführt.

Ich glaube, ich bin abgestürzt. Mein Leben ist irgendwie außer Kontrolle geraten. Dabei habe ich nur versucht, allen Anforderungen gerecht zu werden. Habe meine Lebensziele so gesetzt, wie die Gesellschaft sie von mir erwartet. Wo meine Wünsche und Vorstellungen meines Lebensfluges Platz finden? In einem kleinen Fach, in das ich meine eigene Persönlichkeit quetschen muss, um den riesigen Erwartungen um mich herum Raum zu schaffen. Meine Vorstellung vom Leben ist sozusagen das Handgepäckstück, welches in großen Flugzeugen ins Overheadcompartment gestopft wird.

Ein MINT-Fach studieren, viele Kinder großziehen, dabei aber bitte die Rente nicht vergessen

Während ich mich zusammen mit meinen eigenen Werte in ein viel zu kleines Fach verstaue, nehmen um mich herum die Fluggäste, die Erwartungen der Außenwelt, platz. Sie drängen sich durch die Sitzreihen, um einen guten Sitz in meinem Lebens-Flieger ergattern zu können. Durch einen kleinen Spalt des Gepäckfachverschlusses sehe ich, wie sich die Reihen füllen. Ich sehe die Erwartungen meiner Eltern, nach denen ich einen festen Vollzeitjob haben sollte, für den ich so gut bezahlt werde, dass am Ende genug Rente dabei rumkommt. Ich sehe die Erwartungen des Arbeitsmarktes, nach denen ich, folgend zu meinem 1er Abitur, bestenfalls ein MINT-Fach studieren, fünf unbezahlte Praktika nebenbei absolvieren sollte und außerdem unbedingt ein Auslandssemester einschieben müsste. Auch die Bundesregierung hat eine Sitzreihe reserviert. Sie giert nach meinen Steuern, die ich schnellstmöglich einbringen sollte, trotzdem ich mindestens drei Kinder beschäftige, die mich natürlich nicht von einer Vollzeitstelle abhalten würden.  

Wie finde ich heraus, welcher der richtige Lebensweg für mich ist?

Sie alle fühlen sich an wie eine Armee, die im Gleichschritt auf mich zugestampft kommt. Mit dem erhobenen Zeigefinger diskutieren sie über mein Leben und wie ich es möglichst effektiv gestalten könnte. Ich schnappe Satzfragmente auf. “Sie muss unbedingt…”,”Wenn sie nicht…”,”Alle anderen machen auch…”. Mir wird schlecht. Zusammengekauert ziehe ich meine Beine noch ein Stückchen mehr an mich heran, um in Embryonalstellung zumindest zu versuchen, eine Winzigkeit von Geborgenheit zu erreichen. Ich spüre, wie der Druck steigt. Anscheinend sind wir schon abgeflogen. Während der Lärm der Turbinen das Gebrabbel der Fluggäste übertönt, versuche ich meine Gedanken zu fassen. Wenn der Druck von außen mich innerlich immer weiter verkümmern lässt, wie finde ich dann für mich heraus, welcher der richtige Lebensweg für mich ist? Eigentlich dachte ich, bis jetzt hätte ich die Hürden des Erwachsenwerdens gut gemeistert. Abitur, check. Studium, check. Bis dahin den Gesellschaftlichen Erwartungen konform gelebt, würde ich sagen.

Plötzlich, ein Luftloch

Studium abgebrochen, check. Plötzlich spüre ich ein Luftloch. Mein Kopf knallt an die nur wenige Zentimeter entfernte Decke des Gepäckfaches. Ich jaule auf. Die Stimmen der Flugpassagiere werden lauter. ”Hätte sie mal ihr Studium abgeschlossen…”, “Eine Ausbildung zu machen ist heutzutage doch nichts mehr wert.”, “Wie will sie eine Familie ernähren, wenn sie nicht in hohe Gehaltsklassen aufsteigen kann?”. Ich bin kurz vor dem Erbrechen. Meine Ohren dröhnen und alle Knochen schmerzen. Ich habe das Gefühl, meinen Lebensflieger gerade selbst zum Absturz zu bringen.  

Ab jetzt übernehme ich das Steuer

Kurz bevor ich mein Gepäckfach mit meinem eigenen Erbrochenen fülle, springt die Gepäckklappe auf. Die Turbulenzen haben das Innenleben des Fliegers ordentlich durcheinandergewirbelt. Ich renne im Eiltempo Richtung Bordtoilette, um die Sitzreihen nicht zu versauen. Doch kurz bevor ich die Tür aufreißen kann, fällt mein Blick auf ein großes rotes Schild, welches rechts von mir befestigt ist. “Cockpit”, steht in großen Buchstaben darauf geschrieben. Plötzlich überkommt mich aggressiver Trotz. Ich habe keine Lust mehr von meinem Lebensflugzeug durchgeschüttelt zu werden. Die Fülle an Erwartungen, die darin Platz genommen haben, sollen endlich nach meiner Nase tanzen. Ich reiße die Cockpittür auf und übernehme das Steuer.

Was aus meinen kindlichen Vorstellungen über das Erwachsen sein geworden ist

Als Kind sah ich die Welt eingetaucht in bunte Farben, an jeder Ecke lauerte ein Abenteuer. Wie sehr ich mich doch geirrt hatte. Was ist aus meinen kindlichen Vorstellungen über das Erwachsen sein nur geworden?

Ist doch irgendwie sinnlos, das alles hier, flüstert mein Hirn leise vor sich hin. Wieder einmal durchfährt mich ein Gefühl, welches sich mit jedem Lebensjahr zu intensivieren scheint: Trostlosigkeit. Während ich meinen Gedanken nachhänge und meine Mundwinkel sich immer weiter der Schwerkraft hingeben, nehme ich ein helles Lachen wahr. An mir vorbei rennt ein kleines Kind, welches Mühe hat, mir nicht direkt über die Füße zu fallen. Es lächelt mir zu und springt schnell wieder in die andere Richtung. Die Freude, die das Kind in diesem kurzen Moment ausstrahlte, hebt auch meine Stimmung. Plötzlich bekomme ich Lust ein wenig über den Bahnsteig zu hüpfen und dabei das ein oder andere Lächeln zu verteilen. Doch dieses Gefühl verfliegt mit dem nächsten Windhauch.

Erwachsen sein klingt nicht nach frei sein und Spaß haben

Das, was ich in den Augen des Kindes sah, vermisse ich in mir selbst. Ich vermisse Leichtigkeit, Sorgenfreiheit und die Impulsivität einfach das zu tun, wonach mir gerade der Sinn steht. Als ich jung war, wollte ich ganz schnell erwachsen werden. Ich wollte endlich selbstbestimmt leben, ins Bett gehen wann ich es will und so viel Spielzeug kaufen, dass es nicht mehr in mein Zimmer passt. Ich hatte über Jahre hinweg die Hoffnung, dass ich mich als Erwachsener frei fühlen würde. Was ich jedoch als Kind nicht ahnte war, dass die wahre Freiheit vorbei sein würde, sobald ich in das Erwachsenenleben eintrat. Theoretisch betrachtet steht mir die Welt seit meinem 18. Geburtstag offen. Ich kann all das tun, was ich mir als Kind erträumt hatte. Damals war mir jedoch noch nicht bewusst, wie schwer es sein würde, diese Freiheit auch zu nutzen. Plötzlich musste ich mir Gedanken um Dinge machen, die ich als Kind nicht einmal buchstabieren konnte: Altersvorsorge, Versicherungen, Vorsorgeuntersuchungen, das klingt irgendwie nicht nach frei sein und Spaß haben, oder? Die Freiheit ist nicht das Einzige, was ich mir damals irgendwie anders vorstellte.

Im Kino flüchte ich mich in kindliche Vorstellungen

Ich hänge ihnen hinterher, diesen Vorstellungen, die ich mit dem “groß sein” verband. Als allererstes würde ich mir einen Prinzen suchen, der mich dann heiraten sollte, damit wir beide in ein großes Schloss ziehen könnten. Disney hat mir schließlich gezeigt, wie das mit der Liebe läuft. Umso härter traf es mich, als ich später weder auf Prinzen, noch auf nur ansatzweise märchenähnliche Wesen des anderen Geschlechts traf. Meine romantisierte Vorstellung von Schmetterlingen und rosa Wolken hatte nichts mit dem zu tun, was mich in der rauen Datingwelt erwartete. Es ist kein Zufall, dass aktuell so viele alte Disney-Klassiker neu verfilmt werden. Schließlich sind wir unterbewusst immer noch auf der Suche nach den Emotionen, die wir uns als Kinder unter dem Stichwort “verliebt sein” ausmalten. Und so sitze ich nun regelmäßig im Kino und schaue mir Filme wie “Die Schöne und das Biest” an. In diesen zwei Stunden Ablenkung bin ich wieder das kleine Mädchen, was damals mit ihren Puppen Hochzeit gespielt hat. Zumindest so lange, bis das Licht angeht und ich feststelle, dass ich mich wieder in meiner Traumwelt verlaufen habe. Die Liebe ist nur einer der Irrtümer, den ich als Erwachsener aufdecken musste.

Barbies und Lego vermittelten mir ein falsches Bild der Arbeitswelt

In meiner Kindheit war ich der festen Überzeugung, dass Arbeit etwas tolles und sinnvolles ist. Die einen bauen ein Haus in dem man wohnen kann, die anderen pflegen Kranke gesund. Das alles konnten Lego und meine Barbies auch. Dass die meisten Erwachsenen ihr Arbeitsleben jedoch vor einem Computer im stickigen Büro verbringen, war mir fremd. Wo bitte ist die rückenkranke, leicht sehbehinderte Puppe, die den Kindern das richtige Einstellen des Bürostuhls erklärt? Als ich Kind war, habe ich meine Eltern darum beneidet, dass sie zur Arbeit gehen durften. Ich musste schließlich in diesen doofen Kindergarten, in dem das gute Spielzeug sowieso immer besetzt war. Die Arbeitswelt malte ich mir bunt und fröhlich aus. Nachdem ich mit der Schule fertig war, verstand ich schnell, warum meine Eltern damals nicht so gerne über ihren Arbeitstag sprachen. Ich wollte jedes Mal wissen, welche Heldentaten sie in den 8 Stunden Abwesenheit verbracht hatten. Gespannt saß ich vor ihrer Ankunft auf meinem Stuhl und konnte kaum abwarten die aufregenden Geschichten zu hören, die sich ereignet hatten. Dabei hätte ich schon damals ahnen können, dass ich mit meinen Vorstellungen falsch lag, denn anstatt fröhlich beschwingt vom Arbeitstag zu schwärmen, wurde das Thema meist direkt verworfen. Lieber fragten meine Eltern mich, wie ich meinen Tag verbracht hatte. Rückblickend betrachtet verständlich, ich hatte schließlich um einiges mehr erlebt als sie.

Lichtblicke

Kindliche Naivität ist ein Segen, sie zeigt mir immer wieder, dass man die Dinge auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann. Auch wenn ich mir das Erwachsen sein durchaus anders vorgestellt habe, versuche ich mir immer wieder bewusst zu machen, dass der Ernst des Lebens nicht immer ganz ernstzunehmen ist. Dann riskiere ich mal wirklich was, stelle meinen Wecker zwei Stunden vor und lächle meinen vergangenen kindlichen Sichtweisen zu. Tja, zumindest die Vorstellung, dass ich als Erwachsener ins Bett gehen könnte, wann immer ich will, hat sich bewahrheitet.

4 Dinge, die die Generation Z von der Generation Y lernen kann

Von anderen zu lernen hat unsere Gesellschaft so weit nach vorne gebracht, wie sie heute ist. Doch trotzdem gibt es Dinge, die anscheinend jede Generation wieder und wieder durchleben muss, um wertvolle Schlüsse darauf zu ziehen. Hätte ich die ein oder andere Sache schon vorher gewusst, was wäre mein leben leichter gewesen. Darum heißt es heute: Liebe Generation Z, macht nicht die gleichen Fehler wie ich!

Älter werden ist kacke! Echt jetzt, und ganz ehrlich. Wo ist die Zeit nur geblieben? 10 Jahre sind gefühlt wie im Schnellzug an mir vorbei gerast. Da steht sie nun, die große gruselige 30, die mit jedem Tag näher rückt. Ich bin nun nicht mehr 20-something, sondern „fast 30“, eigentlich ja schon fast 40 und mit einem halben Fuß im Grab. Manchmal fühle ich, wenn ich morgens um 05:30 Uhr in den Spiegel schaue und jede einzelnen Falte sehe, wie erwachsen mein Leben im Moment verläuft. Auf dem Weg zur Arbeit kommen mir feiernde Menschen entgegen, sie grölen laut und sehen nach vermutlich 10h Dauerparty immer noch fitter aus, als ich nach 7 Stunden Schlaf. Wenn ich mir die Jungs und Mädels um die 20 so anschaue, seufze ich leise. Noch einmal so unbeschwert sein….Ich hänge meinen Gedanken nach, bis es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fällt: Wenn die wüssten! Oder besser gesagt: Wenn ich Anfang 20 gewusst hätte. Konnte mich damals nicht mal jemand zur Seite nehme, um mir einige wichtige Dinge des Lebens zu erklären? Nicht wie man ein Hemd richtig bügelt, sondern wie man glücklich wird. Oder, wie man zumindest an die Zutaten kommt, die ein zufriedenes Leben ermöglichen.

Freunde muss man sich verdienen

Hätte ich damals gewusst, wie unglaublich wichtig ein stabiler Freundeskreis ist, wäre es mir vielleicht besser ergangen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich, sobald ich mich in einer Beziehung befinde, meine Freunde teilweise komplett links liegen lasse. Keine Zeit, keinen Bock, man hat ja etwas Besseres zu tun. Ist doch total unproblematisch, wer einmal ein Freund ist, der bleibt es ein Leben lang, dachte ich. Pustekuchen! Als ich heulend vor den Trümmern meiner Beziehung stand, war kaum jemand da, der mir aufräumen half. Schrecklich allein fühlte ich mich, obwohl ich ständig von Menschen umgeben war. Erst in solchen Momenten fällt auf, wie wichtig ein Netz aus Freunden ist, das einen auffängt, sobald man fällt. Am liebsten würde ich der ganzen Generation Z ins Gesicht schreien, dass sie gefälligst mindestens einmal die Woche jedem einzelnen Freund zu sagen haben, wie wichtig er ihnen ist. Gerade in der Anonymität der Großstadt lässt es sich als Single sehr schlecht leben, wenn man niemanden hat, der sich kümmert, wenn es nötig ist. Ihr glaubt ihr schafft alles allein? Nö, könnt ihr vergessen.

Liebe hat nichts mit Schmetterlingen zu tun

Hätte ich damals gewusst, was Liebe ist, wäre mein Herz weniger vernarbt. Mit Anfang 20 glaubt man gerne die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, gerade was Gefühle betrifft. Alle waren schon einmal verliebt, Liebeskummer ist auch kein Fremdwort mehr. Umschwirren uns Schmetterlinge, glauben wir an Liebe auf den ersten Blick, Seelenverwandtschaft und das Schicksal. Hach, das klingt so romantisch. Aber das beschreibt sie nicht, die wirkliche Liebe. Was wir Anfang 20 als Liebe definieren, ist nicht mehr als eine dumpfe hormongeschwängerte Verliebtheit, die uns die Sinne vernebelt. Sind die bunten Schmetterlinge ausgeflogen, leiden wir unter Fluchtgedanken. Wir jagen den Krabbeltieren nach und hüpfen von Gefühlszustand zu Gefühlszustand. Das was Liebe ausmacht, die innige Verbundenheit, auch wenn der Partner mal wieder nervt, kennen wir in diesen jungen Jahren einfach nicht. Wenn ich gewusst hätte, dass Liebe Zeit braucht und nicht von den kleinen Flattertieren getragen wird, hätte ich meinem Herzen einiges an Schmerzen erspart. Würden die Jungs und Mädels da draußen einfach mal aufhören sich eine große Gefühlsexplosion unter Liebe vorzustellen, gäbe es vielleicht eine Chance unsere beziehungsgestörte Welt wieder etwas gerade zu rücken.

Einfach machen!

Kind, du hast alle Zeit der Welt, wurde mir tagtäglich eingetrichtert. Mach doch noch ein Praktikum, oder ein Auslandsjahr. Vielleicht fängst du nach einem abgebrochenen Studium einfach wieder von vorne an? Ach, was kostet die Welt. Hätte ich damals gewusst, dass ich doch nicht alle Zeit der Welt habe, hätte ich einige Dinge anders gemacht. Womit ich jedoch nicht gerechnet habe war, dass die Zeit an mir vorbeirennen würde. Am Anfang ist man noch überall das Küken, welches bevorzugt behandelt wird. Doch das ändert sich schnell. Plötzlich gibt es eine neue Generation, die erfolgreicher und vor allem cooler scheint als die eigene. Irgendwann ist es zu spät, um Entscheidungen zu revidieren. Ich kann keine Profi-Fußballerin mehr werden, selbst wenn ich ein Ausnahmetalent wäre. Liebe Generation Z, macht nicht den gleichen Fehler wie ich und verschiebt eure Vorhaben in die Zukunft. Ein perfektes Beispiel dafür ist die Familiengründung. Was soll aus den ganzen beziehungsgestörten jungen Menschen einmal werden? Meine Generation ist bekommt es ja schon kaum hin, für genug Nachwuchs zu sorgen. Wo soll das am Ende hinführen? Wer garantiert, dass der passende Partner an der nächsten Ecke wartet, sobald man „bereit“ wäre. Nichts aufschieben, Gelegenheiten nutzen und los geht’s. Einfach mal ein Risiko eingehen, einfach machen. Glaubt mir, ich werdet bereuen es nicht getan zu haben.

Eskaliert

Ja, jammern kann meine Generation gut, aber wir haben euch eine Sache voraus: wir sind eskaliert. Krawall und Remmidemmi. Ich halte nichts von einem Leben wie auf Schienen, in dem ein Ausbrechen verboten ist. Das ist vermutlich die einzige Sache, die ich von Anfang an richtig gemacht habe. Ich habe auf Tischen getanzt, gefeiert bis die Wolken wieder Lila wurden. Ich habe Dinge getan, die mir am Folgetag unendlich peinlich waren. Und das mit den Menschen, die mir die Liebsten sind.

Also liebe Jugend da draußen, Generation Z oder wie man euch nennen mag, lernt aus den Fehlern, die wir für euch gemacht haben.

  • Ehrt eure Freunde, als wären sie der größte Schatz, den ihr jemals gefunden habt.
  • Liebt! Mit ganzem Herzen und vergesst Schmetterlinge, die sind im Endeffekt auch nur Krabbelgetier.
  • Macht es jetzt! Setzt eure Pläne um, ohne Umschweife und Zeitverlust.
  • Eskaliert! Damit ihr auch in 20 Jahren noch zu euren Freunden sagt könnt: Wisst ihr noch als wir….

Und zu guter Letzt: Seid glücklich. Ihr habt euer Leben selbst in der Hand, also macht was draus!