Ich glaube du wirst mir heute Nacht fehlen

Oft weiß man ja erst wie sehr einem etwas fehlt, wenn man es kurz hatte, und dann wieder weggeben muss. Nach dem ersten Treffen mit meiner „Bromance“ war klar, dass wir uns relativ schnell wiedersehen würden. Dass es doch so schnell der Fall sein würde, überraschte mich selbst.

Wir schrieben gestern regelmäßig Nachrichten und checkten, was der Andere jeweils so treibt. Da bot der Herr mir an, Abends noch bei mir vorbei zu schauen. Irgendwie konnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden. Gemütlicher Fernsehabend zu zweit. Es ist doch schon schöner, sich über die gesehenen Serien auch unterhalten zu können.

Leider ging sein Drehtag so lang, dass wir kurz davor waren, das Treffen abzublasen.

Wenn ich jetzt noch zu dir komme, müsste ich über Nacht bleiben.

Hm, was mache ich jetzt? Ich will ihn schon bei mir haben, aber direkt in meinem Bett? Was mache ich, wenn er mehr baggert, als ich das gerne hätte? Auf der anderen Seite: Was soll mir passieren? Er wäre bei mir und ich hätte jeder Zeit die Möglichkeit ihn rauszuschmeißen. Außerdem verfüge ich ja noch über meine Kampfkatze, welche mich sofort verteidigen würde.

Also sagte ich zu.

Gegen 22:30 Uhr stand er freudestrahlend vor meiner Tür. Wir hatten ausgemacht, dass ich direkt ins Bett verschwinden würde, und er noch schnell duschen könne. Dementsprechend stand ich schon in Schlafsachen in der Tür.

Als ich genauer darüber nachdachte fiel mir auf, dass ich ganz schön großes Vertrauen zu diesem Mann hatte. Beim zweiten Treffen ungeschminkt und nur in T-Shirt und Hotpants bekleidet, darauf zu warten, dass sich da jemand relativ fremdes ins eigene Bett legt, ist schon ungewöhnlich.

Im Bett angekommen, lagen wir für einen kurzen Moment still da und starrten an die Decke.

Schon komisch, oder?“ – sagte ich verträumt.

Was findest du denn komisch?

Na dass wir jetzt hier zusammen liegen, einfach so, obwohl wir uns kaum kennen.“ – antwortete ich schlaftrunken.

Ach, ich finde das nicht komisch, ich finde das cool!“ – beruhigte er mich. Daraufhin kuschelte ich mich an ihn heran.

Er umarmte mich, als wäre ich etwas wertvolles, was es zu beschützen gilt, weil es sonst womöglich über Nacht gestohlen werden könnte. Wie lange ist es her, dass jemand so etwas ernsthaft tat? Gefühlte Jahrhunderte.

Plötzlich war ich hellwach. Mein Körper sagte mir: „Nicht einschlafen!! Genießen! Jeden einzelnen Moment!“. Ich schloss meine Augen und genoss, wie liebevoll er mich behandelte.

Die anfängliche Unsicherheit wich einer angenehmen Geborgenheit. Nach einer knappen Stunde entschwand ich auch endlich ins Land der Träume. Ich habe lange nicht so gut und erholsam geschlafen. Als nach knapp  7 Stunden der Wecker klingelte, war ich fit wie ein Turnschuh. Gottseidank hatte ich keinen Morgenmuffel neben mir. Nachdem ich ihn geweckt hatte, nahm er mich fest in den Arm und lächelte.

Wir hatten auch schon vorher festgestellt, dass wir sehr viele Gemeinsamkeiten haben. Musikgeschmack, Essensvorlieben, Lebensansichten. Es setzte sich weiter fort, als ich zufällig seine Lieblingskaffeesorte wählte, während ich meine Nespressomaschine anschmiss. Dass ich auch genau das Haarstylingzeugs (Überbleibsel meines Ex) im Bad zu stehen hatte, welches er zu Haus ebenfalls benutzt, fand ich schon regelrecht gruselig.

Gemeinsam brachen wir in Richtung Arbeit auf, zu der er mich bis fast zur Bürotür fuhr. Im Auto hörten wir unser gemeinsames Lieblingslied und versprachen uns, auf jeden Fall das nächste Konzert des Künstlers zusammen zu besuchen.

Selten habe ich so etwas unkompliziertes erlebt. Kein gemecker, keine schlechte Laune, keine Diskussionen. Wir nehmen uns einfach wie wir sind. Als ich auf Arbeit zur Ruhe kam, war mein erster Impuls, ihm eine kurze Nachricht zu senden. Als ich sah, dass er mir im gleichen Moment schrieb, huschte ein Lächeln über mein Gesicht.

Ich glaube du wirst mir heute Nacht fehlen“ – gestand ich schriftlich.

Ja du mir auch! Heute wäre es aber wieder so spät 😉“ – erhielt ich prompt zurück.

Ich könnte mich daran gewöhnen. Ein warmer Mann neben mir, der einfach da ist. Ohne Stress, ohne Erwartungen.

Weil wir uns im Moment genau das geben, was wir brauchen. Nähe und Vertrauen.

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