Falsches Selbstbewusstsein

„Ich kenne kaum jemanden, der selbstbewusster ist als du!“ – sagte meine beste Freundin zu mir. Verdutzt schaute ich sie an, und konnte mir nicht erklären, wie so eine Meinung zustande kommen könnte. Ich bin nicht schüchtern, jedenfalls im Normalfall nicht. Sitze ich zum Beispiel in der Bahn und sehe einen hübschen Mann, stellt sich das schon anders dar. Ich beginne den Mann anzustarren, um mich an seiner Schönheit zu erfreuen. Sobald er jedoch seine Blicke in meine Richtung lenkt, werde ich zu einem kleinen Mäuschen, suche mit meinen Blicken im Raum nach Sicherheit. In schlimmen Fällen ergreift mich der Fluchtreflex und ich stehe auf und gehe.

Ich bin da ein Widerspruch in mir selbst. Auf der einen Seite haue ich einen Spruch nach dem anderen raus, sobald ich mich in einer Männerrunde wohl fühle, auf der anderen Seite schaffe ich es nicht mal, einen Fremden anzulächeln.

Vor ein paar Wochen begegnete mir im Club ein Mann, den ich dort schon öfter gesehen hatte. Bildschön und Single. Jeder Blick ließ mein Blut kochen, meinen Puls nach oben schießen. Mir zitterten die Knie, leichte Schnappatmung setzte ein, umso näher er mir kam. Mein Selbstbewusstsein war nicht vorhanden, ich wollte mich am liebsten unsichtbar machen.

Unauffällig versuchte ich, diesen Mann anzusehen. Ich schmachtete, beobachtete und genoss. Jede Bewegung, jedes Lächeln nahm ich auf. Ich versuchte die Situation unter Kontrolle zu haben, ihn nicht aus den Augen zu lassen, damit er mich nicht mit seiner Anwesenheit überraschen konnte. Es gelang mir natürlich nicht immer. Wild tanzend bemerkte ich nicht, dass dieser Herr aus meinem Blickfeld verschwand. Er tauchte wenig später am anderen Ende der Tanzfläche auf und blickte in meine Richtung. Alarm! Ausnahmezustand! Rückzug! Fluchtreflex! Hals über Kopf verließ ich die Tanzfläche, mein Herz raste.

Ihn nicht mehr aus dem Kopf bekommend, schrieb ich ihm eine Nachricht. Ab diesem Zeitpunkt schrieben wir intensiv, tagtäglich und sehr persönlich. Ich hatte das Gefühl, ein Stück näher an ihn herangerückt zu sein.

Eine Woche später sahen wir uns im Club. Diesmal kannten wir uns, diesmal könnte ich nicht einfach flüchten. Ich tanzte auf der noch leeren Tanzfläche, als meine Freundin mich antippte und mir mitteilte, dass der Herr soeben eingetroffen wäre. Wie versteinert blieb ich stehen. „Nichts anmerken lassen! Tu so, als wenn du ihn nicht bemerkt hättest. Er schaut dich an, er beobachtet genau was du tust. Pass auf wie du dich bewegst. Und höre gefälligst auf so peinlich zu tanzen!!“ – redete ich in Gedanken mit mir selbst. Logischerweise passierte das Gegenteil, ich tanzte ausladend, viel zu übertrieben, sang mit so laut ich konnte, nur um mich abzulenken. „Wenn er mich schon sieht, kann er sehen, dass ich auch ohne ihn super viel Spaß habe! Überhaupt habe ich total viel Spaß im Leben. Ich bin selbstbewusst und kann Männer richtig gut ignorieren.“ – Hirn, manchmal bist du echt dämlich!

In der Hoffnung, dass er mich irgendwann ansprechen würde, setzte ich meine Ignoranz-Taktik fort. Logischerweise passierte nichts!

Nach gefühlten 20 Bier nahm ich allen Mut zusammen und sprach ihn an. Was genau ich sagte, weiß ich nicht mehr. Ich merkte nur, dass das Gespräch irgendwann eskalierte. Ich muss so viel Mist geredet haben, dass ich das „Hilfe“ in seinen Augen sogar halb blind erkennen konnte. Zu allem Übel kam in diesem Moment einer seiner Freunde zu uns. Er begrüßte mich mit den Worten: „Hey, wer bist du denn? Seid ihr zusammen? Habt ihr was miteinander? Ihr seht total süß zusammen aus.“ – Jackpot! „Ähhmmm…neeeeiiinnn…ähh…“ – stammelte mein Gegenüber und suchte nach Fluchtwegen.

Mein benebeltes Hirn nahm dies sehr bewusst wahr und reagierte. Ich zog meinen Schwarm an mich heran, legte meinen Kopf auf seine Brust und gab noch mehr Mist von mir. „Du musst mich beschützen, auf mich aufpassen“ – lallte ich ihm entgegen. „Das ist doch Taktik, das sagst du doch bewusst. Es ist total anstrengend sich mit dir zu unterhalten“ – warf er mir wenig liebevoll vor die Füße. Den Versuch sich meinen Fängen zu entziehen, konnte mein krankes Hirn nicht durchgehen lassen. Ich griff seine Arme und legte sie um meine Hüfte. Ich hielt sie fest, damit er auch nicht auf die Idee kommen konnte, zu rennen.

Irgendwann hatte auch ich Mitleid und ließ ihn ziehen.

Ist es das, was meine Freundin als das riesige Selbstbewusstsein bezeichnete? Mitnichten hat dies etwas mit Selbstbewusstsein zu tun. Es war eher die Angst, die Unsicherheit. Ich wollte diesen Mann, um alles in der Welt. Eine selbstbewusste Frau hätte mit ihm gespielt, ihn kommen lassen. Eine Frau wie ich glaubt doch ehrlich, jemanden festzuhalten, würde helfen.

Ende vom Lied: der Kerl hat kein Wort mehr mit mir gewechselt und nun einen ausgeprägten Fluchtreflex.

2 Kommentare

  1. Mach dir nichts draus… dieses „Selbstbewusstsein“ besitzen wir alle. Solange es nicht um etwas emotionales geht, sondern lediglich um Fakten, dann sind wir alle mehr oder weniger selbstbewusst. Aber sobald wir jemanden toll finden, sind wir alle schüchtern bis zum geht nicht mehr. Ich kenne viele, die sich in Bewerbungsgesprächen oder auch in Verhandlungen, etc. super verkaufen und anpreisen können, dass man sich wirklich denkt: „WOW! DER HAT ES DRAUF! DEN BRAUCHEN WIR IM TEAM!“, aber sobald es um das Emotionale geht, ziehen sie sich alle zurück und wissen einfach nicht WIE! WIE jemanden ansprechen? WIE auf jemanden zugehen, wenn es nicht um Fakten geht? WIE? WIE? WIE?

    Du allerdings hast ja den Schritt gewagt und bist auf ihn zugegangen. Hut ab! Hätte ich mich nicht getraut. ^^ Und dass es ein wenig eskalierte… ja mein Gott… passiert halt mal. Nächstes Mal wird es anders laufen. 🙂

  2. „Selbstbewusst“ wie Deine Freundin es meint bist Du nur, wenn es um nichts geht. Wenn Du keinen Einsatz, keine Emotionen in etwas hineinsteckst. Denn dann ist es Dir egal, was am Ende bei rauskommt.
    Dein Verhalten mag vielleicht nicht selbstbewusst sein, wie Du es gerne hättest, aber es ist eben auch selbstbewusst, weil Du schon sehr genau gezeigt hast, was Du möchtest und Dir wünschst. Okay, vielleicht mit der Bratpfanne oder einem ganzen Gartenzaun, aber Du hast sehr deutlich zu verstehen gegeben, was Du möchtest.
    Dass das für den Kerl zuviel war, besonders noch vor seinem Kumpel – okay, kann man ja irgendwie verstehen, andersrum wäre Dir das auch unangenehm, oder? 😉

    Aber dennoch würde ich auch sagen, dass Du durchaus selbstbewusst bist. Du weisst, was Du willst und Du möchtest das auch bekommen und agierst danach.
    Das was DU als selbstbewusste Frau beschrieben hast am Ende ist jemand, der Spielchen spielt. Meines Erachtens nach, möchtest DU das NICHT sein.

    🙂

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