Brief an einen Täter

Heute erreichte mich eine Mail der Huffington Post, in der zu einer Bloggeraktion aufgerufen wurde. Aufgrund der Vorkommnisse am Köln HBF zur Silvesternacht, gibt es nun die Aktion: „Nicht ich muss mich ändern, sondern du.„. Adressiert sind Frauen, die schon einmal einer Belästigungssituation ausgesetzt waren. Die Frauen sollen einen briefähnlichen Text bzw. ein Video an den Täter verfassen. Da leider auch ich eine solche Situation schon erleben musste, entstand folgender Text:

Lieber 23-Jähriger junger Mann,

es ist jetzt exakt ein Jahr her, dass wir aufeinander trafen. Erinnerst du dich noch? Wir tanzten gut gelaunt in meiner Stammkneipe. Du warst mit einem Freund da, auch ich hatte eine Freundin als Begleitung dabei. Schon in der Bar habt ihr von Distanz nicht viel gehalten. „Kommt doch noch mit zu uns!“ – habt ihr uns entgegen gerufen. Unser eindeutiges Nein, ist bei euch anscheinend nicht angekommen. Als die Bar sich leerte, beschlossen auch wir den Heimweg anzutreten. Noch beschwingt von der guten Stimmung, brachen wir in Richtung Bahnhof auf. Auf ca. der Hälfte der Strecke bemerkten wir, dass ihr hinter uns lauthals nach uns rieft. Wir ignorierten das elegant, da wir dachten, ihr hättet unser Nein schon irgendwie verstanden. Doch schnell standet ihr neben uns. Auf oberflächliche Gespräche ließen wir uns ein, was hätten wir auch tun sollen? Wir konnten euch ja nicht verbieten, ebenfalls den Bahnhof aufzusuchen.

Am Bahnsteig verabschiedete ich meine Begleitung und machte mich alleine auf den restlichen Heimweg. Den bin ich bis dahin immer allein gelaufen. Auch nachts. Knapp 15 Minuten Fußweg an einer großen Straße entlang. Als ich das Gleis verließ bemerkte ich, dass ihr schon wieder lauthals auf euch aufmerksam machen wolltet. Ich hatte ein schlechtes Bauchgefühl. Lieber ganz schnell das Weite suchen! Ich kramte meine Kopfhörer heraus, um eurem Gegröle nicht zuhören zu müssen. Erst lief ich schnell, dann begann ich halb zu rennen. Aber ich war nicht schnell genug. Du hattest dich von deinem Freund verabschiedet und dir in den Kopf gesetzt, mir zu folgen. Knapp 500m hinter dem Bahnhof hast du mich dann erwischt.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als du deine Hand auf meine Schulter legtest. Nach Hause bringen wolltest du mich. „Eine Frau hat mitten in der Nacht nichts alleine draußen zu suchen“ – sagtest du mir. Du müsstest mich nun also nach Hause bringen. Dass ich dir erklärte, dass ich immer allein nach Hause laufe und keine Begleitung benötigte, hast du ignoriert. Meine Angst hast du anscheinend gar nicht wahrgenommen. Zu Beginn unterhielten wir uns oberflächlich, vielleicht bist du ja doch ein netter Kerl? Doch ich wurde schnell eines Besseren belehrt. Wie aus dem Nichts hast du mich gegriffen, gegen einen Baum gedrückt und mich geküsst. Ich verfiel in eine Angststarre, war hilflos und wusste nicht, was ich nun tun sollte. Es war mitten in der Nacht, keine Passanten in der Nähe. Schreie hätten nichts geholfen. Ich war nicht in der Lage, mich körperlich zu wehren, zu sehr stand ich unter Schock. Als du mich losgelassen hast, habe ich überlegt zu fliehen. Doch du hattest vorgesorgt. Meine Hand hattest du dir geschnappt und keine Anstalten gemacht, sie loszulassen.

Da lief ich nun, Hand in Hand mit einem Mann, der mir eine verdammte Angst einjagte. Wie oft sagte ich dir, du solltest nach Hause fahren. Der Weg wäre noch weit, und ich würde das allein schaffen. Doch du hörtest nicht auf mich. Alle paar 100m hast du mich gegriffen und wieder und wieder geküsst. Hast du nicht gemerkt, wie ich gezittert habe? Kurz vor meiner Haustür hast du mich so überschwänglich küssen wollen, dass es mich umriss. Da lag ich nun auf dem kalten Winterboden. Anstatt mir aufzuhelfen, legtest du dich auf mich und konntest dein Glück kaum fassen. Ich war dir ausgeliefert. Mit sehr viel Kraft schaffte ich es, dich von mir zu drücken und aufzustehen. Es waren noch 100m bis zu meiner Wohnungstür.

Als wir dort ankamen, dachtest du nicht daran, nach Hause zu gehen. „Du nimmst mich doch jetzt noch mit hoch!“ – sagtest du selbstbewusst. Natürlich wies ich dich mehrmals zurück. Als du kurz abgelenkt warst, griff ich meinen Schlüssel, und hielt ihn so fest ich konnte. Den Überraschungsmoment ausnutzend, öffnete ich die Tür und rannte die Treppen hoch. Du konntest nicht so schnell reagieren, und kamst mir nicht hinterher. Als ich meine Wohnung betrat, ließ ich das Licht aus. Du solltest nicht wissen, in welchem Stockwerk ich wohne. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie brenzlig die Situation war. Ich sank auf den Boden und begann zu weinen. Was war da gerade passiert? Mein Herz schlug mir bis zum Hals, ich hyperventilierte. Ich hatte Angst, du würdest es irgendwie zu mir hoch schaffen. Es dauerte Stunden, bis ich mich beruhigte und endlich einschlafen konnte. Die Tage darauf, traute ich mich kaum aus dem Haus. Ich hatte Angst, du würdest mir auflauern. Schließlich wusstest du, wo ich wohne.

Eine Woche später, gleiche Bar, sah ich dich zur Tür reinkommen. Meine Freunde waren informiert und rieten mir, dich zu ignorieren. Doch so einfach funktionierte das nicht. Du machtest dich wieder an mich heran. Doch diesmal war ich nicht allein. Meine Freunde beobachteten die Situation und reagierten. Sie begleiteten dich freundlich aus der Bar und versuchten dir klar zu machen, was du mir angetan hattest. Dass du dich kaum noch erinnern konntest, schockierte mich. Anstatt dich zu entschuldigen, beleidigtest du meine Freunde aufs Übelste. Erst als die Polizei gerufen wurde, beruhigtest du dich. Seitdem habe ich dich nie wieder gesehen. Doch in meinem Kopf bist du präsent. Bewege ich mich nachts allein durch die Stadt, drehe ich mich um, damit ich sicher sein kann, dass mir niemand folgt. Gottseidank zog ich wenige Wochen später um, und traue mich auch wieder vor meine Haustür. Doch sobald ich Geschehnisse, wie die in Köln lese, kommt alles wieder hoch. Die Angst, die Ohnmacht, die Scham, welche du mir bereitet hast.

Lieber junger Mann, nicht ich muss mich ändern, sondern du.

5 Gedanken zu „Brief an einen Täter

  1. Thomas Gericke sagt:

    Hallo Jule,

    ich hatte den selben Kommentar auch schon bei fisch+fleisch hinterlassen. Hier der Vollständigkeit halber auch nochmal.

    Das Wichtigste zu Beginn: dein Bericht ist ein ganz starker Beitrag. Es ist gut zu lesen, dass du weiterhin bzw. wieder aufrecht durch’s Leben gehst.

    Der von dir beschriebene Übergriff ist leider kein Einzelfall und leider auch nicht neu. Vergewaltigungen und sexuelle Belästigungen gab es schon immer und wird es immer geben, solange Menschen nicht in Watte gepackt und/oder elektronisch und 24 Stunden am Tag überwacht werden. Doch das entschuldigt natürlich nichts. Ich vermute, es hilft dir auch herzlich wenig zu wissen, dass du nicht alleine bist.

    Wenn ich mich frage, wer die Schuld daran trägt, werde ich nachdenklich. Natürlich – das steht ausser Frage – sind es grundsätzlich die Täter.

    Dass Menschen und damit Männer irgendwo auch nur Tiere sind, dass sie genetisch programmiert und biologisch getrieben sind, entschuldigt nichts. Erklärungen helfen vielleicht, etwas zu verstehen, aber sie machen Dinge, die „heute“ nicht mehr zeitgemäss sind, auch nicht besser. Wir leben nicht mehr in Höhlen, doch der genetische Code für das Werben, Fordern, Jagen und Erlegen ist bei einigen Menschen des 3. Jahrtausends noch immer stark ausgeprägt.

    Auch dass die heutigen schnellen und besonders offenen Medien ihren Teil beitragen, ist nicht hilfreich für die Schuldfrage und entschuldigt nichts. Oft ist zu lesen, dass Frauen „es gerne mal härter“ haben. Dass Frauen Vergewaltigungsfantasien haben. Ist das eine Einladung oder eine Aufforderung? Nein, ganz bestimmt nicht. Aber sicherlich ruft das Täter auf den Plan, die ohnehin schon eine niedrige Hemmschwelle haben. Doch das entschuldigt nichts.

    Frauen kleiden sich gerne aufreizend. Ganz sicher nicht alle Frauen, doch einige. Sie tun das meines Wissens aus zwei Gründen: für andere und für sich selbst. Entschuldigt das irgendetwas? Nein! Ganz klar nein. Nur weil ich etwas sehe, dass ich schön finde, mache ich mich noch lange nicht darüber her. In der Tierwelt ist es so, dass die Weibchen sich herausputzen, um auf das stärkste Männchen aufmerksam zu machen und erobert zu werden. Leider hat die Evolution bei den Tätern nicht unbedingt Schritt gehalten und sie geben diesem genetischen Druck nach. Doch – ganz klar – das entschuldigt nichts. Gar nichts!

    Hast du alles richtig gemacht? Grundsätzlich ja. Hättest du etwas besser machen können? Natürlich, aber besser geht immer und hinterher ist man immer schlauer. Du hättest nicht alleine bleiben können, du hättest ein Taxi nehmen können. Aber trägst du deswegen Mitschuld an dem Übergriff? Nein, ganz klar nein.

    Was will ich damit eigentlich sagen? Alles in allem ist es sehr kompliziert. Seit es Tiere und Menschen gibt, gibt es Fehlverhalten im Rahmen der jeweils geltenden Konventionen. Seit es gesellschaftliche Normen gibt, werden diese ausgehebelt. Schuld sind – natürlich, gar keine Frage – grundsätzlich die Täter.

    Jede einzelne Tat, jeder einzelne Übergriff ärgert mich unsäglich. Aus zwei Gründen: erstens, weil die geschädigte Person es garantiert nicht verdient und in (geschätzt) 99,9% der Fälle auch nicht provoziert hat. Zweitens (und so egoistisch bin ich an der Stelle), weil die Gefahr und Angst davor, an ein Arschloch und einen primitiven Idioten zu geraten, viele Frauen ganz besonders vorsichtig sein lassen und es den „normalen“ Männern enorm schwer machen, jemanden kennenzulernen.

    Aber was ich eigentlich *wirklich* sagen will: bleib aufrecht, mach weiter.

    Viele Grüsse, Thomas

    • juleblogt2014 sagt:

      Danke für die schönen Worte! Du hast recht. Und natürlich mach ich weiter 🙂 was einen nicht umbringt, macht einen härter, nicht wahr?

  2. moteens sagt:

    Das ist ein sehr bewegender Text, der die Geschehnisse an Silvester nochmal ein Stück realer werden lässt. Ich finde es sehr mutig von dir, dass du deine Geschichte veröffentlicht hast. Als die Polizei gekommen ist, hat das dann irgendwelche Konsequenzen für den Mann mit sich gebracht?

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