1….2…..3….ich erstarre zur Salzsäule

Ein herrenloser Koffer am Bahnhof Zoo führte dazu, dass ich Ewigkeiten am Bahnhof stand. Hitze, Menschen, ich war einfach nur genervt! Einige Stationen später sah ich auf das Gleis gegenüber, und wunderte mich über die Anzeige. Moment, wieso fährt da eine Bahn in meine Richtung, wenn ich doch in der Bahn dorthin sitze? In diesem Moment ertönte eine Ansage, dass dieser Zug nur bis zu übernächsten Haltstelle fahren würde, und man dort umsteigen müsse. Ärgerlich! Nervig! Ich versuchte noch schnell aus dem Zug zu springen, um schon an dieser Haltestelle umzusteigen. Vor meiner Nase schlossen sich die Türen, da war ich wohl zu langsam.

An der nächsten Haltestelle setzte ich zu einem erneuten Versuch an, erfolgreich. Ich stand auf dem Bahnhof, wartete auf den Anschlusszug und blickte mich um. Rechts von mir sah ich einen Mann, der gerade in meine Richtung schlenderte. Nur kurz fixierte ich meinen Blick, um dann wieder aufs Gleis zu schauen. Ich stieg in meine Bahn, suchte mir einen freien Platz und machte meine Musik einen Tick lauter. Überraschenderweise platzierte sich der Herr vom Bahnsteig direkt mir gegenüber. Kurz schauten wir uns in die Augen, schöne braune Augen!

Wenn ich kein Buch dabei habe, lehne ich meinen Kopf normalerweise an und versuche ein paar Momente Ruhe zu genießen. Ich spürte seine Blicke, das machte mich nervös. Was ist die erste Hilfe in solchen Situationen? Sonnenbrille auf! Nun konnte ich die Situation etwas mehr „von Außerhalb“ betrachten, er konnte mir schließlich nich in die Augen sehen.

In Sicherheit wiegend, betrachtete ich ihn. Anscheinend war er gerade aus dem Urlaub zurück, ganz schön braun gebrannt. Wie er wohl aussieht, wenn er nicht so braun ist? Vermutlich hat er keine Freundin, die Klamotten hätte ich so nicht ausgesucht.

Ein bisschen Sport würde ihm gut tun, breite Schultern ohne Muskeln wirken nicht immer super attraktiv. Mist, wenn ich so etwas kritisiere, müsste ich erstmal bei mir selbst anfangen, oder? An der Figur kann man schließlich noch etwas machen, oder etwa nicht? Wenn er ein paar mehr Muskeln hätte, dann wäre er ein richtig schicker Kerl. Der Bart gefällt mir!

Oh, verdammt, ich glaube er merkt, dass ich ihn abchecke. Schnell weggucken und unnahbar aussehen.

Die Haare hat er schön gemacht! Wie alt er wohl sein wird? Den Geheimratsecken zufolge, nicht mehr Anfang 20. Generell ziemlich lichtes Haar, gar nicht mein Geschmack. Dafür kann er sicherlich nichts, ist meist erblich. Also Jule, nicht an solchen Kleinigkeiten rummeckern. Schöne braune Augen, so richtige Rehaugen.

Mist, hat er schon wieder gemerkt, dass ich ihn anstarre? Luft anhalten, nicht bewegen, aus dem Fenster gucken.

Er bewegt sich so warmherzig, trotzdem er nur kurz zur Seite schaut. Kann man sich warmherzig bewegen? Irgendwie schon. Zumindest wird mir auf einmal noch ein bisschen wärmer. Was liest er da eigentlich? Ich kanns nicht erkennen. Ärgerlich! Hm, ob er es merkt, wenn ich ihn per Spiegelung im Fenster anschaue? Ich teste das mal.

Ohje, schaut der mir tief in die Augen. Dabei kann er meine Augen durch die Sonnenbrille doch gar nicht sehen. Luft holen Jule, Luft holen! Atmen, tief atmen, ruhig bleiben. Einfach mal dem Blick stand halten.

1….2…..3….ich erstarre wieder zur Salzsäule.

Er packt sein Buch zusammen. Irgendwas mit „Augen“, hätte ich mir mal den Titel gemerkt. Was mache ich, wenn er gleich aussteigt?

Durch die Spiegelung im Fenster starren wir uns an. Meine Mundwinkel versuchen sich aus der Starre zu lösen und ein Lächeln zu fabrizieren, vergebens. Er schaut auf sein Telefon. Schreib mir da bitte ein „Hallo“ rein und reiche es mir rüber!! Sein Fuß stößt an meinen. Ganz leicht, fast wie ein Lufthauch. Ich zucke kurz. War das Absicht? Was mache ich jetzt? Ich fühl mich irgendwie verloren.

Ein kurzer Blick reicht, um die Tiefgründigket in seinen Augen zu erkennen. Selten habe ich über die Augen eines Menschen, so tief in seine Seele schauen können.

Meine Finger zittern, ich sitze verkrampft und schnappe nach Luft. Ich fühle mich hilflos, möchte handeln aber bin erstarrt.

Kurz vor meiner Haltestelle springe ich auf, ich halte das nicht mehr aus. Ich stehe an der Tür und will einfach nur raus. Hastig drücke ich den „Öffnen“ Knopf und stürze aus der Bahn.

Tief Luft holen, tief Luft holen! Ich zittere, weiß nicht was da gerade passiert ist.

Ich brauche einige Minuten, bevor ich wieder klar denken kann.

Was war das denn?

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